Über

Angefangen haben wir 2008, nachdem wir festgestellt haben, dass wir gerne mehr Gesprächspartner*innen mit ähnlichen Familienkonstellationen hätten – mit einem jüdischen und einem nichtjüdischen Elternteil. Je mehr Menschen wir begegneten, desto deutlicher wurde uns, wie interessant ihre Geschichten und wie unterschiedlich die Bezüge zu einer (vermeintlich) gemeinsamen Identität sein können.

Für Menschen mit teiljüdischer Herkunft ist die Zugehörigkeit zum Judentum mitunter eine schwierige Identitätskonstellation. Insbesondere für patrilineare Jüd*innen oder Vaterjüd*innen, also Menschen mit jüdischem Vater und nichtjüdischer Mutter, stellt sich die Frage, welchen Zugang sie zum Judentum haben und haben können, da sie von den (meisten) jüdischen Gemeinden nicht als jüdisch anerkannt werden. Mögliche Zugänge können religiös geprägt sein, aber auch über die Identifikation mit familiären Traditionen, der Shoah oder Betroffenheit bei antisemitischen Vorkommnissen sowie Bezüge zu Israel sein; andere wählen einen wissenschaftlichen Zugang, wieder andere sehen keine Notwendigkeit „Jüdisches“ zu leben. Fast alle teilen die Erfahrung, dass eigene Identifikation und von außen kommende Zuschreibungen sich widersprechen und man vereindeutigt und dabei immer zum Anderen gemacht wird – von Nichtjuden zum Juden, von Juden zum Nichtjuden.

doppel:halb sollte Schutzraum sein und ein Forum schaffen zur produktiven Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft, ohne eine Entscheidung für eine der beiden „Seiten“ zu fordern. Statt einem Fokus auf das Defizit ging es uns um einen doppelten Hintergrund, darum, auch ambivalente (Zugehörigkeits-)Gefühle äußern und akzeptieren zu können.  Wir wollten es uns gemeinsam „zwischen den Stühlen“ gemütlich machen und den häufigen Ausgrenzungserfahrungen Informationen, Kontakte und Austausch entgegenstellen.

Ein Verein sind wir nicht geworden, aber wir haben Menschen getroffen, haben gemailt, telefoniert, zusammengesessen. Wir haben von Familien gehört und erzählt, wir haben uns vernetzt und Stammtische gegründet. 2012 fand dann die internationale Tagung „Hybride jüdische Identitäten. Gemischte Familien und patrilineare Juden“ in Zürich statt, die nicht nur Wissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen und Länder zusammenbrachte, sondern auch viele Menschen buntester jüdisch-nichtjüdischer Familien- und Lebenskonstellationen. Ende 2015 ist der Tagungsband im Berliner Neofelis Verlag erschienen.

Man kann sagen, dass sich in den letzten 10 Jahren viel getan hat: Der Umgang mit patrilinearen Jüd*innen wurde verstärkt ein Thema in den jüdischen Gemeinden und auch darüber hinaus sichtbarer – in Zeitungsartikeln, in wissenschaftlicher Forschung, in Blogs, in Literatur. Diese Sichtbarkeit ist für gemischte Familien und patrilineare Jüd*innen Anerkennung ihrer Existenz. Aber auch das gesellschaftliche Klima in dem wir über Patrilinearität sprechen hat sich verändert. Deutschland ist nun auch offiziell Einwanderungsland und hybride Identitätskonzepte werden zunehmend artikuliert und auch akzeptiert, ebenso wie Verweigerung eine häufigere Strategie gegenüber verengten Identitätszuschreibungen von außen wird. Die Auseinandersetzung wird vielschichtiger und vielstimmiger, weil sich immer mehr Jüd*innen aus der ehemaligen Sowjetunion einbringen, bei denen die Vaterlinie ohnehin eine andere Rolle spielte und die auch andere Selbstbilder mitbringen. Zudem bringen sich auch die „Israelis in Berlin“ ein, die gleichzeitig über die deutsch-jüdischen und die deutsch-israelischen Zusammenhänge sprechen. Es wird also komplexer und bunter oder zumindest wird das sichtbarer. Gut so.

Willkommen zwischen den Stühlen!

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